Aftershot Band 1 der No safe zone Reihe

a sports romance

€18.99

Leseprobe:

Prolog
Drei Jahre zuvor
Das Letzte, was Nate zu mir sagt, bevor er in seinen Wagen steigt, ist, dass ich endlich aufhören soll, mich wie sein verdammter Vater aufzuführen.
Ich lache darüber, weil ich zwei Jahre jünger bin als er und Nate jeden ernst gemeinten Satz so lange ins Lächerliche zieht, bis man selbst nicht mehr weiß, ob man sich gerade unnötig Sorgen macht. Normalerweise funktioniert das bei mir nicht, doch an diesem Abend lasse ich es trotzdem zu.
Vielleicht denke ich deshalb später so oft an sein Lachen zurück, nicht weil es das letzte Mal ist, dass ich es höre, sondern weil ich in diesem Moment bereits spüre, dass etwas nicht stimmt.
Der Parkplatz hinter dem Turniergelände ist fast leer. Nur noch wenige Transporter stehen zwischen den gelben Linien, und irgendwo am anderen Ende wird eine der großen Werbebanden abgebaut. Das Dröhnen der Generatoren ist verstummt. Zurück bleiben das Klappern von Metallstangen, das dumpfe Zuschlagen von Kofferraumtüren und der Geruch nach nasser Erde, Schweiß und der süßlichen Farbe, die sich selbst nach dem Duschen noch in jeder Hautfalte festsetzt.
Nates Trikot ist an der Schulter violett verfärbt. Der Treffer stammt aus unserem letzten Spiel, in dem er zu spät hinter die Deckung gegangen ist und uns damit den entscheidenden Punkt gekostet hat. Seitdem macht er Witze darüber, dass Violett ohnehin besser zu seinen Augen passe. Niemand außer mir hat bemerkt, dass er nach dem Spiel fast zehn Minuten reglos auf der Bank gesessen und seine Hände angestarrt hat.
Jetzt reibt er sich mit einer Hand über das Gesicht, während er nach seinem Autoschlüssel sucht.
»Du siehst aus, als würdest du im Stehen einschlafen«, sage ich.
»Dann ist es gut, dass ich im Sitzen fahren werde.«
»Lass mich deinen Wagen nehmen. Blake kann mit meinem Auto hinterherfahren.«
Nate zieht den Schlüssel aus seiner Jackentasche und hält ihn zwischen uns, als hätte er damit bereits jedes Gegenargument widerlegt. »Du bist selbst seit fünf Uhr morgens auf den Beinen und hast im letzten Match mehr Treffer abbekommen als der Rest von uns zusammen.«
»Ich bin trotzdem wacher als du.«
»Du bist vor allem kontrollsüchtiger als ich.«
»Das hat nichts mit Kontrolle zu tun.«
Sein Blick wandert zu mir, und obwohl sein Mund noch immer dieses schiefe Grinsen zeigt, liegt darin kaum etwas von der Leichtigkeit, die er den anderen vorspielt. »Bei dir hat alles mit Kontrolle zu tun, Carter.«
Ich will ihm widersprechen, lasse es aber bleiben. Wir haben das Halbfinale verloren, unser wichtigster Sponsor wartet seit einer Stunde auf eine Erklärung, und der Trainer hat uns vor der Abfahrt noch einmal deutlich gemacht, dass sich Fehler wie dieser in der kommenden Saison nicht wiederholen dürfen. Nate nimmt sich jede Niederlage zu sehr zu Herzen, auch wenn er nach außen so tut, als würde sie an ihm abprallen.
»Dann fahr wenigstens nicht allein«, sage ich. »Einer von den anderen kann bei dir mitfahren.«
»Die anderen sind selbst müde, und ich brauche keine verdammte Aufsicht. Bis nach Hause sind es nicht einmal vierzig Minuten.«
»Vierzig Minuten reichen, wenn du müde bist.«
Nate atmet hörbar aus. Für einen Moment lehnt er sich mit dem Rücken gegen die Fahrertür und schließt die Augen. Genau in diesem Augenblick hätte ich ihm den Schlüssel aus der Hand nehmen müssen. Ich sehe noch heute vor mir, wie locker seine Finger ihn festhalten. Eine einzige Bewegung hätte gereicht, und wahrscheinlich hätte er nicht einmal die Kraft gehabt, sich ernsthaft dagegen zu wehren.
Stattdessen warte ich, bis er die Augen wieder öffnet.
»Ich fahre direkt hinter dir«, sage ich. »Wenn du auch nur einmal auf die andere Spur kommst, zwinge ich dich anzuhalten.«
»Wie genau willst du das machen?«
»Ich finde schon einen Weg.«
Diesmal klingt sein Lachen müde. »Natürlich findest du einen Weg. Du findest schließlich für alles einen.«
Er öffnet die Tür und lässt sich auf den Fahrersitz sinken. Bevor er sie zuziehen kann, halte ich sie mit einer Hand fest.
»Wenn es nicht geht, hältst du an.«
»Wenn es nicht geht, halte ich an.«
»Versprich es mir richtig.«
Nate sieht mich einen Moment lang an. »Ich verspreche dir, dass ich anhalte, wenn ich merke, dass es nicht mehr geht.«
Das ist nicht dasselbe, und wir wissen es beide.
Trotzdem lasse ich die Tür los.
Wenige Minuten später fährt sein Wagen vor mir vom Parkplatz. Die roten Rücklichter verschwimmen hinter dem Regen, der rascher stärker wird, als es der Wetterbericht angekündigt hat. Ich schalte die Scheibenwischer auf die höchste Stufe und halte so wenig Abstand, dass Nate sich unter normalen Umständen vermutlich darüber aufgeregt hätte.
In den ersten zehn Minuten fährt er sauber. Er bleibt in seiner Spur, bremst rechtzeitig und setzt sogar den Blinker, obwohl um diese Uhrzeit kaum noch jemand auf der Straße unterwegs ist. Meine Schultern entspannen sich ein wenig, während die Lichter des Turniergeländes hinter uns verschwinden.
Vielleicht rede ich mir deshalb ein, dass ich übertrieben habe.
Der Gedanke hält nicht lange.
Nates Wagen gerät zum ersten Mal nach rechts, kurz nachdem wir die Stadtgrenze hinter uns gelassen haben. Es sind nur ein paar Zentimeter, bevor er ihn wieder in die Mitte zieht. Beim zweiten Mal berühren seine Reifen bereits die weiße Linie.
Ich greife nach meinem Handy und rufe ihn über die Freisprecheinrichtung an. Er nimmt erst nach dem vierten Klingeln ab.
»Du hast gesagt, du bleibst in deiner Spur«, sage ich, noch bevor er etwas erwidern kann.
»Ich bin in meiner Spur.«
Seine Stimme klingt anders als auf dem Parkplatz. Sie ist langsamer und schwerer, als müsste er jedes Wort einzeln aus seinem Kopf ziehen.
»Du warst gerade zweimal fast auf dem Seitenstreifen.«
»Die Straße ist beschissen.«
»Dann fahr bei der nächsten Möglichkeit rechts ran.«
Für einige Sekunden höre ich nur das gleichmäßige Rauschen des Regens und seinen Atem über die Lautsprecher.
»Nate, hast du mich verstanden?«
»Ich habe dich verstanden. An der nächsten Ausfahrt gibt es eine Tankstelle.«
»Die Ausfahrt kommt erst in acht Minuten.«
»Dann unterhalte mich für acht Minuten.«
Ich umklammere das Lenkrad fester, obwohl ich meine Finger kaum noch spüre. »Wir hätten das Halbfinale gewonnen, wenn du meinen Spielzug nicht geändert hättest.«
»Das ist deine Vorstellung von einem unterhaltsamen Gespräch?«
»Du wirst gerade wütend auf mich, also funktioniert es.«
Ein leises Schnauben dringt durch den Lautsprecher. »Dein Spielzug war vorhersehbar. Die Panthers wussten genau, dass du über die rechte Seite gehst.«
»Der linke Laufweg war trotzdem nicht frei.«
»Er wäre frei gewesen, wenn Mason rechtzeitig reagiert hätte.«
»Mason konnte nicht wissen, dass du die Taktik mitten im Spiel änderst.«
»Ein guter Spieler erkennt so etwas.«
»Ein guter Captain sorgt dafür, dass sein Team weiß, was er vorhat.«
Nate schweigt, und ich weiß sofort, dass ich zu weit gegangen bin. Er ist nicht nur mein bester Freund, sondern seit zwei Jahren auch der Captain der Renegades. Er hat dieses Team durch eine Saison gebracht, in der wir mehr Verletzungen als Siege hatten, und trotzdem gibt er sich für jede Niederlage die Schuld.
»Das war nicht so gemeint«, sage ich.
»Doch, wahrscheinlich war es genau so gemeint.«
Sein Wagen zieht erneut nach rechts.
Diesmal dauert es länger, bis er ihn korrigiert.
»Nate, du hältst jetzt an.«
»Es sind nur noch ein paar Minuten.«
»Das ist mir egal. Setz den Blinker und fahr auf den Seitenstreifen.«
»Hier gibt es keinen richtigen Seitenstreifen.«
»Dann nimm die nächste Einfahrt.«
Vor uns taucht die lang gezogene Kurve auf, die an einem bewaldeten Hang entlangführt. Ich kenne die Strecke. Hinter der Kurve liegt eine kleine Schotterfläche, auf der im Sommer oft Motorräder stehen. Wenn Nate sie erreicht, kann ich ihn aus seinem Wagen holen und selbst weiterfahren.
»Direkt hinter der Kurve kannst du anhalten«, sage ich. »Bis dahin bleibst du bei mir.«
»Ich bin noch bei dir.«
Das letzte Wort verschwimmt in seinem Mund.
»Dann sag mir, was du morgen als Erstes machen wirst.«
»Ich werde zuerst schlafen.«
»Was wirst du nach dem Schlafen machen?«
»Danach werde ich noch mehr schlafen.«
Sein Wagen wird langsamer. Für einen kurzen Moment glaube ich, dass er endlich auf mich hört.
Dann leuchten seine Bremslichter hektisch auf, viel zu spät.
Das Heck bricht auf der nassen Fahrbahn aus. Nate versucht gegenzulenken, doch der Wagen rutscht bereits quer über die Spur. Ich trete mit aller Kraft auf die Bremse und höre das hässliche Rattern des Antiblockiersystems unter meinem Fuß. Der Sicherheitsgurt schneidet mir in die Schulter, während Nates Wagen vor mir durch die Kurve schleudert.
»Nate, du musst nach rechts lenken!«, schreie ich.
Ich weiß nicht, ob er mich noch hört.
Sein Wagen trifft mit der Beifahrerseite auf die Leitplanke, wird zurück auf die Fahrbahn geschleudert und dreht sich einmal um die eigene Achse. Für einen Augenblick sehe ich nur die Scheinwerfer, die direkt auf mich gerichtet sind. Dann rutscht er rückwärts über den Rand der Straße und verschwindet zwischen den Bäumen.
Mein Wagen kommt schräg auf der Fahrbahn zum Stehen. Ich greife nach meinem Handy, löse den Gurt, reiße die Tür auf und stolpere hinaus in den Regen. Meine Knie geben beinahe nach, als ich über die Leitplanke klettere. Unter meinen Schuhen rutscht der nasse Boden weg, doch ich fange mich an einem Ast ab und laufe weiter.
Nates Wagen liegt einige Meter unterhalb der Straße auf der Fahrerseite. Einer der Scheinwerfer ist erloschen, während der andere flackerndes Licht zwischen die Bäume wirft. Das Telefonat läuft noch immer. Aus meinem Handy dringt ein verzerrtes Rauschen, das sich mit dem Regen vermischt.
»Nate, du musst mir antworten.«
Er antwortet nicht.
Die Windschutzscheibe ist gesprungen, aber nicht vollständig zerbrochen. Ich rutsche den Hang hinunter und schlage mit der Schulter gegen die Karosserie. Der Schmerz erreicht mich kaum. Ich ziehe am Griff der Beifahrertür, obwohl sie jetzt nach oben weist und sich keinen Zentimeter bewegt.
»Nate, hörst du mich?«
Durch das Glas erkenne ich sein Gesicht. Seine Augen sind geschlossen, und sein Kopf liegt in einem Winkel gegen die Scheibe, der mir sofort jede Luft aus der Lunge presst.
Ich hämmere mit der Faust gegen die Tür. »Mach die Augen auf und sieh mich an.«
Nichts an ihm bewegt sich.
Hinter mir hält ein Wagen auf der Straße. Jemand ruft mir zu, dass der Notruf bereits gewählt wurde, doch die Stimme klingt weit entfernt. Ich suche nach einem Stein, einem Stück Metall oder irgendetwas anderem, womit ich die Scheibe einschlagen kann. Meine Hände zittern so stark, dass mir alles wieder aus den Fingern rutscht.
Ich sage Nates Namen immer wieder, als könnte ich ihn allein damit zurückholen. Ich verspreche ihm, dass Hilfe kommt, obwohl ich keine Ahnung habe, wie lange sie brauchen wird. Ich sage ihm, dass wir das nächste Turnier gewinnen werden, dass er Mason selbst erklären kann, warum sein Laufweg falsch gewesen ist, und dass ich nie wieder so tun werde, als wüsste ich alles besser.
Als die Sirenen endlich durch den Regen dringen, ist meine Stimme nur noch ein heiseres Flüstern.
Die Sanitäter schicken mich den Hang hinauf. Ich wehre mich, bis zwei Männer mich gleichzeitig festhalten und mir erklären, dass ich ihnen im Weg stehe. Einer von ihnen stellt mir Fragen, die ich alle beantworten kann. Nates vollständiger Name, sein Alter, seine Adresse und die Telefonnummer seiner Mutter kommen ohne Zögern über meine Lippen.
Nur auf die Frage, wie lange er bereits bewusstlos ist, habe ich keine Antwort.
Vielleicht waren es fünf Minuten, vielleicht waren es fünfzehn. In meinem Kopf existiert nur der Augenblick, in dem ich seine Fahrertür losgelassen habe.
Ich stehe am Rand der Straße und sehe zu, wie die Feuerwehr den Wagen aufschneidet. Der Regen läuft mir über das Gesicht und unter den Kragen meines Trikots. Violette Farbreste lösen sich aus dem Stoff und tropfen auf den Asphalt, bis von dem Treffer aus unserem letzten gemeinsamen Spiel kaum noch etwas zu sehen ist.
Nate wird nie erfahren, dass er recht hatte. Ich kann nicht alles kontrollieren.
In dieser Nacht beschließe ich trotzdem, es nie wieder unversucht zu lassen.